Praxistipps für Projektmanager

Wissen Sie schon oder diskutieren Sie noch? Der Dialog als Methode zur Wissensvermittlung

dialog als wissensvermittlungWie gehen Sie vor, wenn Sie sich Wissen aneignen möchten? Lesen Sie die benötigten Informationen nach? Lassen Sie sich die Dinge, die Sie wissen möchten, von einer anderen Person erklären? Ich bin vor allem Autodidakt – ich suche mir meine Informationen am liebsten selbst zusammen und erstelle mir daraus meinen Wissensfundus. Doch diese Art der Wissensvermittlung beschränkt sich auf ein Verständnis von Wissen als Summe verschiedener Informationen. Auf ein anderes Wissensverständnis und eine andere Form der Vermittlung setzt der Dialog, das gleichberechtigte Gespräch.

Was ist ein Dialog eigentlich?

Der Dialog ist eine bereits seit der Antike genutzte Methode, um das persönliche Wissen verschiedener Menschen zusammenzubringen und auf diese Weise einen Mehrwert zu erschaffen. Modernere Beispiele sind Expertendialoge. Personen mit unterschiedlichen Hintergründen kommen dafür zusammen und tauschen gleichberechtigt ihre Annahmen und Theorien aus. Beim Dialog werden die Annahmen und Argumente aller Beteiligten offen in den Raum gestellt. Es findet weder eine Bewertung noch eine Gegenrede statt. Fragestellungen werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Ein Dialog ist dabei eben keine Diskussion. Es geht nicht darum, sein Gegenüber von den eigenen Argumenten zu überzeugen. Eine Diskussion ist individuell und ein Gegeneinander der Argumente; ein Dialog dagegen ist kollektiv und ein Miteinander verschiedener Annahmen. Die Grundannahmen lauten: Jeder Mensch verfügt über Wissen – und das geteilte Wissen ergibt mehr als die Summe seiner Informationen. Aus dem Wissen verschiedener Personen und seiner Reflexion entsteht neues Wissen und ein Lerneffekt.

Als Methode der Wissensvermittlung kann der Dialog für Unternehmen und das Projektmanagement Vorteile bringen – zum Beispiel, wenn es darum geht, die Erwartungen der Stakeholder zu einer Zieldefinition zu vereinen. Oder wenn im Anschluss an das Projekt Ursachen für Misserfolge identifiziert werden sollen. Für gewöhnlich dienen dazu Meetings und Besprechungen – aber wie häufig kommt es vor, dass dort am Ende zwar jeder seine Meinung losgeworden ist, aber keiner der Beteiligten wirklich etwas gelernt hat?

Grundfähigkeiten für den Dialog

William Isaac vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat in den 1990er Jahren Dialoge zur Wissensvermittlung in Unternehmen erprobt; ihm zufolge durchläuft der Dialog verschiedene Phasen, von einem sehr höflichen Vorgeplänkel bis hin zu einem Austausch, bei dem jeder Teilnehmer sich selbst und seine Aussagen beobachtet und alle geäußerten Annahmen reflektiert. Zudem beschreibt er die vier Grundfähigkeiten, die Teilnehmer eines Dialoges brauchen:

  • Zuhören (Listening), das Gesagte auf sich wirken lassen
  • Respekt gegenüber den Aussagen anderer (Respecting)
  • Gedanken in der Schwebe halten (Suspending) – eigene Gedanken und Emotionen erkennen, Gedanken der anderen reflektieren und keine Stellung beziehen
  • Eine eigene Sprache finden und eigene Gedanken wahrheitsgemäß aussprechen (Voicing)

Welche Bedingungen müssen für dialogische Wissensvermittlung erfüllt sein?

Unser Wissen ist etwas sehr Persönliches. Wir haben aus allen Informationen unserer Umgebung einen eigenen Wissenspool aufgebaut, gegen unsere Erfahrungen und unsere Wertvorstellungen abgewogen. Echtes Wissen und nicht nur Informationen zu teilen, erfordert daher einen geschützten Raum. Das ist nicht nur örtlich zu verstehen, sondern vor allem dahingehend, dass die Dialoggruppe die richtige Atmosphäre für den Wissensaustausch schafft. Alle Meinungen werden respektiert, alle Annahmen und Theorien der Teilnehmer gleich ernst genommen. Isaac hat dafür den Begriff des containers geschaffen, auf Deutsch als Vertrauensraum übersetzt.

Ein Dialog kann nur einen Mehrwert erbringen, wenn alle Teilnehmer freiwillig teilnehmen und bereit sind, sich zu öffnen und ihr Wissen zu teilen. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Ich selbst bin eine Person der Tat; ich will Resultate, und zwar möglichst sofort und möglichst kontrollierbar. Ein Gespräch um des Gespräches willen, dessen Ergebnisse nicht planbar sind, schreckt mich zunächst einmal ab. Sich auf den Dialog einzulassen, erfordert daher manchmal Selbstüberwindung, Geduld – und vor allem die Bereitschaft, sich selbst und seine eigenen Grundannahmen infrage zu stellen. Denn nur, wenn die Teilnehmer alte Denkmuster über Bord werfen können, entsteht aus der Sammlung an Wissen ein Lernerfolg.

Für einen Dialog ist weiterhin die Größe der Gruppe entscheidend. Nach dem Psychologen Patrick de Maré, der soziotherapeutische Dialoge durchgeführt hat, bilden Gruppen mit etwa 20 Personen die Gesellschaft als Mikrokosmos ab. Dort sind entsprechend viele unterschiedliche Positionen und Meinungen zu finden. Zehn Personen sollten als Mindestgruppengröße für einen Dialog gelten.

Häufig muss für einen Dialog erst eine gemeinsame Sprache gefunden werden, eine gemeinsame Begrifflichkeit und ein gemeinsames Verständnis von Dingen. Das gilt etwa, wenn Personen aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen zusammenkommen oder bei einem Projekt Stakeholder mit den unterschiedlichsten Hintergründen – vom Auftraggeber bis hin zum potenziellen Nutzer des Projektergebnisses.

Der Dialog als Methode zur Wissensvermittlung kann helfen, die Front des „Das haben wir schon immer so gemacht“ aufzubrechen. Allerdings weicht er von unserer gewöhnlichen Vorstellung des Lernens ab. Der Dialog zur Wissensvermittlung muss daher selbst erst erlernt werden – es ist ein Prozess, der sich sogar über Monate und Jahre hinziehen kann. Denn wie der deutsche Theologe und Wirtschaftsethiker August Heinrich Henckel von Donnersmarck schon so treffend resümierte: „Die Verwirklichung des Menschen geschieht im Dialog: in der doppelten Fähigkeit, zu reden und zuzuhören, zu antworten, aber auch darin, sich vom Wort treffen zu lassen. Anders gesagt: Dialog, das meint die Bereitschaft zur Kooperation.“

Was denken Sie über den Dialog als Methode zur Wissensvermittlung und im Projektmanagement? Können Sie auch zuhören? Sind sie geübt in der Rede ebenso wie in der Gegenrede? Oder ertappen Sie sich so wie ich öfter dabei, vom Dialog in die Diskussion zu wechseln? Ich freue mich auf Ihre Gegenreden!

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